Abgeschieden von allem, glücklich und zufrieden ! (Blogeintrag 04.03.2017)

06 April 2017

Nach einer Woche des Dauerregens in Nam Dong, sitze ich nun hier wieder alleine in der Küche der Farm. Die Jugendlichen und Erzieher kehren nämlich übers Wochenende zu ihren jeweiligen  Familien zurück.

Und auch mein eigener kleiner gepackter Rucksack steht neben mir, denn auch ich werde übers Wochenende nach Hué zurückkehren.

Aber bevor ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle mache (oder wie gewohnt rennen muss), will ich meine Eindrücke der letzten Woche in diesem Blogeintrag festhalten…

Nachdem ich das vergangene Wochenende hier in Einsamkeit verbrachte –ja, Nam Dong ist nicht gerade das was man eine „Touristenattraktion“ nennen würde- startete die Woche dann mit den langsam eintreffenden Jugendlichen.

Nachdem um 7 Uhr dann alle versammelt waren, ging es auch schon los mit arbeiten. Denn jede Minute im Trockenen musste clever genutzt werden (über die „Minuten“ im Nassen werde ich sicherlich auch noch berichten …).

Und so machten wir uns die ganze Woche auf, um das „Grünzeug“ (Google Translator Übersetzung), auf vietn. Cai (Kohlsorte) – zu pflücken, und neue Setzlinge zu pflanzen.

Copyright:: Aide Au Vietnam.

Dazu zählt auch Felder umzugraben und nicht essbares „Grünzeug“ (Unkraut) zu jähten).

Die Arbeit war speziell, da ich bisher noch nicht sehr viel mit „Ackerbau“ in Kontakt gekommen bin.

Mit „speziell“ meine ich aber in diesem Fall „wunderbar“!

Denn alles was geerntet wird, wird auch gegessen. Diese Achtsamkeit, für mein eigenes Essen verantwortlich zu sein, musste ich bisher in meinem Leben wohl irgendwo verdrängt haben. (Und dabei wurde das Essen, in meinem familiären Umfeld, sicher nicht verschwendet.)

Den Privileg zu haben, gemeinsam mit den Jugendlichen mit den eigenen Händen arbeiten zu dürfen, wirkte trotz dem Titel „Arbeit“ sehr entspannend. Die Atmosphäre ruhig und gelassen : Vogelgezwitscher, der sanfte Wind, Gesumme, leiser Gesang sowie, ab und an, das Geräusch von nieselndem Regen.

Copyright: Aide au Vietnam.

Nicht viel anders die Arbeit im „Saustall“! Lautes Gequiecke, Schweine die sich um ihr Essen streiten und sich seelenruhig waschen lassen. Naja, zugegeben, „Idylle“ würde ich als etwas anderes beschreiben. Dennoch weder Unmut, Ekel oder sonstige Ungereimtheiten, denn das gehört zum Leben auf der Farm dazu.

Das einzige was in beiden Fällen diese angenehme Atmosphäre stören konnte, war die kleine Erinnerung, dass besser weiter gearbeitet werden soll. Denn ab und zu, gaben die Jugendlichen  sich dann doch dem Versinken in ihre Gedankenwelt hin und arbeiteten, sagen wir etwas zu „periodisch“. Und wer könnte diese Träumereien auch übel nehmen. Denn bei diesen Temperaturen, der Ruhe und dem Zustand der Ausgelassenheit ganz das schon mal vorkommen.

Deshalb renkte sich diese Atmosphäre auch( wenn sie denn wirklich gestört war), immer wieder schnell ein.

Copyright: Aide au Vietnam.

Im Haus, ging es dann genau so entspannt zu. Es wird zusammen gekocht, gegessen und geputzt. Von Rebellion oder dem Willen nicht zu arbeiten – keine Spur. Dementsprechend ist das Verhältnis zwischen Erzieher und Jugendlichen, sehr angenehm… ja schon fast familiär.

Jede Sekunde wurde/wird genutzt, um miteinander zu spaßen und sich gegenseitig wahrzunehmen.

Kurze Erklärung zu diesem Aspekt der Wahrnehmung :

Zwar kommen die Jugendlichen aus Familien, in denen, man sich um sie gekümmert hat. Aber dennoch fehlte größtenteils der Kontakt zur Außenwelt. Dies bedeutet konkret, dass es bis dato speziell für sie keine Möglichkeit auf Schule oder Arbeit gab. Erschwerend kommt hinzu, dass die Jugendlichen, wie so oft im Vietnam, keine Einzelkinder sind. Zudem haben die Eltern nicht die finanziellen Mittel, um zuhause zu bleiben, um dem eigenen Kind  mit Beeinträchtigung die nötigen Förderungsmassnahmen zu bieten.

Im Klartext : es schleicht  sich ein Zustand der Isolation ein, der den emotionalen  Zustand auf kurz oder lang zunehmend beeinträchtigt. Gar nicht zu sprechen von der Langeweile, der physischen Untätigkeit, die mit dem Zustand explosiver Gefühlszustände einhergeht, um der überflüssigen Energie irgendwie Luft machen zu können.

 Und so bin ich momentan auch ein Teil dieser „Sekunden“ und muss, trotz fehlender vietnamesischen Sprachkenntnisse, keine Minute der Kommunikationslosigkeit  verbüßen.

Hinzu kommt, dass ich als Europäer, mit meinem äußeren Erscheinungsbild (Kulleraugen, braunes struppiges Haar und Bart) zum Objekt der Neugierde werde/wurde. Ich wage es sogar zu behaupten, dass ich der erste Wessi bin, den sie hier in der abgelegenen Bergregion auf Dauer erleben dürfen.

Darum wird um so öfter, schon mal an mir geschnuppert, in den Haaren gewühlt oder mich einfach in den Arm genommen.

Das Bewusstsein diesen Jugendlichen, eine Quelle einer für sie bis jetzt unbekannten Nähe eines Fremden und der Erfahrung sein zu können, rührt mich jeden Tag.

Die Tage verfliegen deshalb trotz ihrer Länge (Arbeitszeit von 4:30 bis 20:00 Uhr) wie im Flug.

Und nach  1 ½ Wochen, geht es jetzt erstmals wieder nach Hué um das Wochenende mit einigen vietnamesischen Freunden verbringen zu können. Zwar freue ich mich wieder etwas englisch sprechen zu können, dies vermindert aber nicht den Zustand, dass ich mich genauso auf Montag freue, um wieder in diese abgelegene Bergregion zurückkehren zu dürfen. Denn ich weiß jetzt schon, dass hier einige liebenswerte Menschen auf mich warten werden!