Die Geister, die ich rief oder wie man für Regen beten muss! (Blogeintrag 19.03.2017)

06 April 2017

Vorweg, ich liebe Sonnenschein und Hitze, der voreilige Trugschluss dieser Bericht würde darum gehen, dass ich mich über das subtropische Klima beklagen werde, muss also abgelegt werden.

Nach vier Wochen auf einem vietnamesischen Bauernhof, müsste man eigentlich gegen vieles abgehärtet sein.

Das dachte ich auch und bin eigentlich nicht wirklich zimperlich. Aber am Montag sollte meine Stunden ann doch schlagen. Und ich musste das erste mal  mit mir selber kämpfen (moralisch) musste.

Denn  nachdem bei einem verletzten Schwein (Verletzung entstand durch die Machtkämpfe unter den Schweinen und die sind tatsächlich SAUbrutal), keine Aussicht auf Genesung bestand, musste man schnellstmöglich handeln, um dem Leid ein Ende zu setzen. Und so sollte es geschlachtet werden!

Copyright: Aide au Vietnam.

Der ganze Ablauf war durch sein Standort in Nam Dong (abgelegene Bergregion) geprägt.

Nachdem die Entscheidung zur Tötung fiel, machte sich einer der Erzieher (Tai) auf, um den Metzger aus der Nachbarschaft zu holen.

In der Zwischenzeit bereite ich mit einem anderen Erzieher (Hai) mit den Jugendlichen der „Schlachthof“ vor.

Der Schlachthof war in diesem Falle der Hinterhof des Schweinestall. Man fegte den Boden, breitete eine Feuerstelle vor und setzte ein Topf mit Wasser auf. (Das kochende Wasser erleichtert, die Entfernung der Haare).

Ich war natürlich vom Anfang bis zum Schluss ahnunglos, warum ich diesen oder jenen Schritt nun tatsächlich machen musste. Ich glaube das lag daran, dass ich nicht richtig realisierte was auf mich zukommt.

Kurze Zeit später tauchte Tai dann mit einem ziemlich schmächtigem Mann auf. Hemd und Anzughose.

Nicht gerade das, was mit meinem stereotypen Bild eines Metzgers übereinstimmte. Seine Werkzeuge, vier unscheinbar wirkende Messer.

Er brachte sie, eingewickelt in einem  Tuch mit.Er sah mich an, Tai erklärte ihm, dass ich Vegetarier sei und er lachte. Ich auch (noch). Wir gingen alsdann in den Stall, wo die anderen Schweine ihren lebenden„Mitbewohner“ anknabberten. Diese Brutalität verblüffte mich tatsächlich jedes Mal, wenn ich in den Stall trat.

Wir scheuchten daraufhin die anderen Schweine fort und packten die verletzte Sau an allen Vieren. Ich glaube das arme Wesen wusste, was ihm blühte denn es schrie und wehrte sich mit seiner letzten Kraft. Vier Personen waren nötig, um es hinaus zu tragen.

Als es dann lag und wir es festhielten schritt der Metzger zu seiner Tat. Ein gezielter Schnitt in die Halsschlagader und dann floss Blut…

Der Anblick war zwar nicht angenehm, die Mischung aus den Schreien des Schweins und dem Geruch des Blutes bereiteten mir aber mehr Probleme.

Allerdings fühlte ich mich verpflichtet dabei zu sein!

Das Schwein tat mir Leid. Aber in meinem Inneren wusste ich, dass dieses zumindest ein relativ angenehmes Leben hatte und es nicht in der Massentierzucht verbringen musste.

Zusätliche Momente dieser Schlachtung will ich aber hier nicht weiter beschreiben.

Dafür aber die Reaktion der Jugendlichen.

Diese waren nämlich bei jedem dieser Schritte dabei. Zusätzlich führten sie bei der Zerlegung des Schweins selbstständig Schritte durch, wessen ich mich aus technischer Unfähigkeit verweigerte.

Keiner von ihnen, wirkte in irgendeiner Weise schockiert oder geekelt. Das ganze wurde gehandhabt wie, wenn man den Flur putzen würde. Es war normal.

Natürlich könnte man nun behaupten, dass diese Beobachtung nun nichts besonderes sei und es „eben“ zu ihrem Alltag gehöre.

Diese Behauptung würde ich in diesem Fall aber als hypokritisch zurückweisen. Denn in meiner Zeit als Carnivor, habe ich mir nie ernsthaft darüber Gedanken gemacht wie so eine Schlachtung aussieht. Und welche Eltern würden ihre Kinder zu einer Schlachtung mitnehmen.

Ein letzter Punkt zur Schlachtung soll aber noch gesagt sein. Sie brauch extrem viel Wasser!

Und dies war fatal, denn seit zwei Wochen fiel kein Tropfen Regen mehr.

Copyright: Aide au Vietnam.

Die Wasserversorgung aus dem Brunnen ging dem Ende zu!

Dies ging so weit, dass dienstags dann der Punkt der totalen Erschöpfung erreicht wurde.

-WASSERVERZICHT!-

Kein nasses Aufputzen, keine Dusche und keine Kleiderwäsche.

Das Wasser wurde nur benutzt, wenn gekocht und gespült wurde.

Und so ein Tag am Bauernhof- nachdem man den Schweinestall geputzt hat, bei 33 Grad körperlich gearbeitet hat und noch immer ein leichter Geruch von Schweineblut wahrzunehmen ist – kann schon mal unangenehm werden.

Und so bereut man als kleiner „Wessi“ jeden Tropfen Wasser , den man in seinem Leben verschwendet hat.

Ja! Erst hier wurde mir dies bewusst, auch wenn ich mich (wie die Mehrheit) zuhause schon öfters über den übermäßigen Konsum aufrege/aufregte.

Für die Jugendlichen zeichnete sich diese Periode aber besonders schlimm ab. Denn die Dusche vor dem Abendessen ist mehr als nur ein Privileg für sie, sondern gehört zu ihren alltäglichen Ritualen.

Und so wunderte ich mich nicht über das ein oder andere übelgelaunte Gesicht.Mittwochs nahm man dann die Iniative und ging zum nicht weit entfernten Fluss. Und auch wenn sich dieser nicht mit Sauberkeit rühmt ist es allemal besser als der penetrante Schweinegeruch.

Copyright: Aide au Vietnam.

Die Laune war danach besser und ein gehörloser Jugendlicher signalisierte mir, dass man für Regen beten musste.

Tatsächlich musste dieses Gebet dann irgendwo geholfen haben. Denn Donnerstags fiel wieder Regen, auch wenn nur ganz leicht. Aber es genügte um den Wasservorrat soweit aufzustocken, um abends eine kurze Dusche zu nehmen.

Und dies taten alle und jeder freute sich. Eine Art von ganz natürlichem Teambuilding!

JA das Leben in Nam Dong kann schon mal härter sein. Dennoch lernt man so auch die kleinen Momente im Leben zu schätzen.
Und damit schließe ich den Bericht und bin mir sicher, dass ich so schnell keine Wasserschlacht mehr haben werde und auch in Zukunft, kein Fleisch essen werde.