Über Drachenfüchte, Brücken und Sauställe. (6.-12. Februar 2017)

05 March 2017

Das Tet-Fest -so schön es auch war- endete dann wie jeder Feiertag in der Normalität. Und ich wartete mit gepacktem Rucksack und gezückter Kamera auf das, was mich die folgende Zeit erwarten sollte.

Wie ich in meinem ersten Blogeintrag erwähnte, ist es ja einer meiner Hauptanliegen für das AAV Team ein Medienprojekt über ihre Arbeit vor Ort, umzusetzen. Möglich ist dies aber nur dann, wenn ich mir einen Überblick über alle Projekte verschaffen kann. Meine Garantie für die Projekte im südlichen Teil des Vietnams, Hà! Als Vorstandsmitglied des AAV, stellte sie den  Kontakt mit den Verantwortlichten der Projekte her -was ihr durch vietnamesische Sprachkenntnisse deutlich vereinfacht wurde- und organisierte eine zwölftätgige Reise, in der alle Projekte im Süden besichtigt werden sollten.

Für den folgenden Eintrag, will ich die erste Hälfte, meiner Eindrücke näher beschreiben. Dabei soll die Zusammenarbeit von vier NGO’s (Mekong Plus, Thiên Chi, Anh Duong und Aide au Vietnam) näher gebracht werden. Mehr Details zu der Zusammenarbeit lassen sich auch hier finden: http://aideauvietnam.org/wp-content/uploads/2013/05/projet-mekong-plus.pdf

 

Dem Sonnenaufgang voraus, machte ich mich gemeinsam mit Hà auf den Weg zum Distrikt Bin Thuan, wo wir die aktive Projektarbeit, des Thiên Chí und Mekong Plus Team erleben sollten. Bereits im Bus machte mir sich eine andere Landschaft sichtbar, als ich diese bisher in Hué oder HCMC erlebte.

Eine prallende Sonne, wenig Bäume, eine Berg (Hügel)landschaft und in der Umgebung, eine unzählbare Vielzahl von Drachfrucht-Feldern. Angekommen erwartete uns ein engagiertes Team, mit dem wir kurz ein Mittagsessen zu uns nahmen und uns dann gleich wieder auf den Weg machten, um die Arbeit vor Ort zu sehen. Für die kommenden 48 Stunden stand folgendes auf dem Programm:

-Der Besuch von zwölf Familien, die von einer Mikrofinanzierung profitieren,

-Eine Vollversammlung der hiesigen Frauenrechtsbewegung.

Die Familien, die wir besuchten lebten oft weit abseits von dem Zentrum ihrer jeweiligen Kommune und so kam es, dass teilweise „enorme“ Strecken mit dem Motorrad zurückgelegt werden mussten, um diese überhaupt erreichen zu können.Das Adjektiv enorm, verwende ich hier nicht um mein eigenes Zeitgefühl zu beschreiben. Vielmehr ist es ein Ausdruck meiner Bewunderung für die jenigen Familien, welche täglich enorme Strapazen auf sich nehmen müssen, um Zugang zur ökonomischen Teilhabe zu erhalten und sich nur so das Überleben sichern können.

Wer sich nun kein Bild machen kann, stelle sich eine Landschaft mit sehr baufälligen (wenn dann überhaupt vorhanden) Strassen vor, ein eher dürftiges Motorrad, mindestens 10 Kilo an Ware, die nicht wirklich einfach verstaut werden können, häufig allein erziehende Mütter mit mindestens ein bis zwei Kindern und der Angst, während dieser Abwesendheit ausgeraubt zu werden.

Ziemlich bedrückend oder? Besonders, wenn man sich die Frage stellt, was bei einem Krankheitsfall oder eingeschränkter Mobilität passieren würde. Horrorszenarien, an die man lieber nicht zu oft denkt, da sich ansonsten Verzweiflung breit macht. Und Verzweifelung macht die Situation nicht besser!

 

 

Damit es aber überhaupt zur ökonomischen Teilhabe und somit auch dem Überleben, kommen kann bedarf es einem Kapital, das hier in finanzieller Unterstützung in Form von Mikrokrediten handelt. Eine Unterstützung, welche die Familien erhalten, um sich materielles Kapital aufzubauen, das im Austausch mit anderen Kapitalgütern, das finanzielle Kapital erweitert. Im Falle des Bin Thuan Bezirkes liegt das Kapital in der eigenen Landwirtschaft. Die Familien investieren demnach in den Anbau von Drachenfrüchten oder in die eigene Viehzucht.

So konnte ich in diesen Tagen stolze Besitzer von Drachenfrüchte kennenlernen, Sauställe (wortwörtlich) betreten, in denen ich von quiekenden Ferkel begrüßt wurde und schlussendlich wie in fast alles Fällen das ein oder andere „Kikeri-Ki“ lauschen. (Anspielung auf Geflügelzucht).

In allen Fällen aber, Familien mit ihren ganz persönlichen Schicksalen. Schicksale, in denen kein Staat, keine Kirsche und kein sonstiger das Überleben sichert. Schicksale, die sich ohne die Hilfe von Mekong Plus und Thiên Chí, in ausweglose Sackgassen verwandeln würden. Schicksale, die unbemerkt bleiben würden…

Besonders, der letzte Punkt stimmte mich sehr nachdenklich. Denn auch wenn weinende Kinder aus der ganzen Welt in den Medien sichtbar sind, gehören sie zu einer Normalität, die wir zwar bemängeln, aber im Grunde genommen uns im Schatten des gesellschaftlichen Ganzen verstecken und diese Normalität nicht nur akzeptieren, sondern auch ignorieren.

Mit dieser drückenden Erkenntnis, die man zwar oft hat aber in der Regel nicht hautnah erlebt,  machte ich mich dann 48 Stunden später mit Hà auf den Rückweg. Wir verabschiedeten uns vom engagierten Thiên Chí Team und bereits 10 Minuten später schlief ich in einem hupenden Bus, mit gemischten Gefühlen ein.


Long My

Nach einem Ruhetag, ging es dann wieder los. Die ersten Sonnenstrahlen würden sich erst in ein paar Stunden zeigen. Dieses Mal begleitete uns Bernard  Kervyn, führendes Oberhaupt von Mekong Plus.

Die Busfahrt war, um es positiv zu formulieren…  abenteuerlich. Dennoch erbot sich mir eine landschaftliche Umgebung, die ich so noch nicht gesehen hatte. Palmen, Bambus und unzählig verwinkelte Flussärmchen. Wir waren also im Mekong Delta Gebiet angekommen.

Auch hier wurden wir von einem motivierten Team abgeholt, dieses Mal aber in Gestalt des Anh Duong Teams. Ähnliches Szenarien wie in Binh Thuan, kurzes Mittagessen, Sachen packen und dann auf zu den Besichtigungen. Wieder Familien, die weit entfernt vom ökonomischen Zentrum leben. Nur kommt in diesem Falle der Mekongfluss hinzu, der den direkten Zugang zur Strasse, ohne Brücken unmöglich macht oder um vielfaches erschwert.

Mekong Plus und Anh Duong, versuchen diese teilweise, doch sehr desolante Situation zu umgehen. Sie setzen dafür unteranderem auf den Strassen- und Brückenbau, der zwar zu einem Grossteil von ihnen getragen wird, sie allerdings einen nicht zu unterschätzenden Anteil von der lokalen Bevölkerung abverlangen und damit auf die Zivilgesellschaft setzen.

Das Prinzip: Jeder trägt das bei, wozu er im Stande ist, doch in jedem Falle muss der einzelne seinen Beitrag leisten. Somit zeichnen sich einige durch ihre Arbeitstätigkeit aus und Andere, durch ihre finanzielle Leistung.

 

Das Resultat lässt sich zeigen, denn nur so konnten wir die Familien besuchen, die sich durch Mikrofinanzierungen, ihr eigenes Kapital aufbauen konnten. Anders als in Binh Thuan wurde hier aber nicht in Drachenfrüchte investiert.   Dafür aber in alle anderen denkbare Früchte (Ananas, Kokosnuss, Papaya, Mango, Orangen, etc.). Während meinem Aufenthalt hatte ich im Gefühl, dass hier tatsächlich alles blühen würde.

Daneben wurde, wie in Binh Tuan, die Tierzucht praktiziert, vom Fisch, bis hin zum Schwein oder Huhn. Und auch
hier lernte ich verschiedene Familien kennen, die mich mit ihrem Alltag faszinierten.

Da Bernard Kervyn uns begleitete hatte ich zusätzlich, das Glück einen genaueren Überblick über das gesamte Konzept der Nachhaltigkeit und Zivilgesellschaft zu erhalten.

Um dem Leser dieses Konzept näher zu bringen, will ich es anhand eines Beispiel erklären

Konzept der Nachhaltigkeit am Beispiel von kleineren Naturkatastophen:

Der Umgang mit natürlichen Katastrophen, so klein sie auch sein mögen, soll durch das Prinzip der Nachhaltigkeit optimiert werden. Das Programm versucht dementsprechend, die führenden Bauern weiterzubilden, damit sie ihr Wissen den kleineren Bauernbetrieben weitervermitteln können. Themen, die vermittelt werden sind beispielsweise: die Vorbeugung bei Epidemien in der Vierzucht oder der Insektenbefall beim Obst-und Gemüseanbau.

Dieser angemessen Umgang, ist eine Garantie dass, das eigene lebensnotwendige Kapital auf Dauer aufrechterhalten werden kann.

Der nähere Einblick in dieses Prinzip und dem ersten Eindruck, dass einige Familien es umgesetzt bekommten, stimmten mich im Gegensatz zum letzten Mal hoffnungsvoller. Und so sollten auch diese zwei eindrucksvolle Tage in einer Busfahrt enden, wo ich noch ein paar letzte Worte mit Herr Kervyn  wechseln konnte.

Dieser schlussfolgerte, dass jeder Tage eine Suche nach Innovation sein müsste, damit man nicht riskiert stehen zu bleiben und dadurch scheitern zu müssen.

Und mit diesen Worten will ich diesen Blogeintrag enden.