Über Machtkämpfe und Multi-Tasking

29 May 2017

Da es in der letzten Woche zu keiner Berichterstattung kam, will ich mich nun in den folgenden Zeilen bestmöglichst bemühen, um kurz aber präzise über die Geschehnisse der beiden letzten Wochen zu berichten.

Nam Dong. Alles beim Alten und ich will in diesem Bericht nicht nochmals auf die tägliche Arbeit eingehen, um der Langeweile des Lesers vorzubeugen. Stattdessen will ich nur über einen einprägsamen Moment der letzten Wochen berichten.

Dieser Moment liegt nämlich in der Neuankunft eines Jugendlichen und wie dieser die allgemeine Lage änderte. Denn bisher war die Sozialstruktur der Jugendlichen fest geregelt und nahezu unantastbar. Mit der neuen Situation wurde der bisherige „Anführer“ der Gruppe von seinem Thron getrieben. Nach anfänglichem Herantasten lieferte sich der Neuankömmling einige Konkurrenzkämpfe mit dem bisherigen Leader. Wer kann am schnellsten graben, wer pflückt am meisten Unkraut und wer kann am besten kommandieren ?

Ich konnte in vielen Fällen nur staunen und litt an manchen Stellen mit dem alten „König“ mit, der dem neuen Anführer schlussendlich seinen hart erkämpften Platz einräumte. Meine Initiative Trost zu spenden führte in eine kleine Katastrophe. Denn Mitleid, kratzt nur noch mehr am Stolz eines Menschen und so wurde ich nach meinem Faux Pas mit Ignorieren bestraft. Ich denke, das hatte ich an dieser Stelle verdient. Worauf will ich aber eigentlich hinaus?

Beide Jugendliche sind taub/ stumm und so musste ich dem ganzen Geschehen zusehen und zuhören. Das Verstehen der Metaebene verlangt eine feinfühlige Interpretation, die oftmals mehr als nur schwierig ist und dadurch die Gefahr für Fehltritte wachsen lässt. Fehltritte aus denen man trotz allen Ärgers lernt.  Ein Lerneffekt von immenser Bedeutung, den die Jugendliche jeden Tag erfahren und direkt auf ihr eigenes Leben übertragen können.

Denn die Farm eröffnet einen geschützten Raum der das Erproben von sozialen Strukturen auch außerhalb der Familie ermöglicht. Ein Raum der, zu dem utopischen Gedanken der Inklusion beiträgt und die Jugendliche näher an das gesellschaftliche Leben heranführt.

Hué. Da die Zeit langsam aber sicher eng wird gab es noch einige wichtige Termine, die ich in Hué wahrnehmen musste. Darunter fielen die letzten Aufnahmen für den zu entstehenden Film, sowie ein Interview mit Professor Nhan und seiner Stellvertreterin Phuong Anh. Die Aufnahmen konnten nach einem einzigen Schweißbad erfolgreich im Kasten landen. Mit dem Interview gab es da allerdings Schwierigkeiten. Da Professor  Nhan wie ein Fisch im Wasser ist, den man mit den bloßen Händen nicht einfangen. Drei Termine vorgesehen, einer wahrgenommen, den Rest verschoben! Vielleicht könnte man nun denken, dass Wut oder Frustration eine mögliche Folge wären. Und ich denke wenn dies der erste Monat im Vietnam gewesen wäre, und ich Professor Nhan noch nicht in seinem alltäglichen Treiben beobachtet hätte dann wäre die Frustration die Folge gewesen. Allerdings ist es mein letzter Monat und ich kenne den Professor. Und das stereotypische Bild, dass Männer nicht Multi-Tasking fähig wird hier gesprengt. Zwei Handys, an jedem ein Gesprächspartner, Vorlesung von 9-9, mindestens ein Dutzend Leute die ihm nachlaufen und daneben noch Patienten die auf ihn warten. Ja dieser Mann sprengt nicht nur das stereotypische Bild sondern, definiert nach meinen Ansichten den Begriff Multi-Tasking.

Und so hoffe ich nun auf den kommenden Mittwoch, denn danach kann ich wieder von der Zivilisation in die Berge, wo schon einige angehende Farmer auf mich warten…