Welch großzügige Geste…

09 March 2017

-Kinderheim in Vung Tau –

Nach dem sich Stress und Reisefieber, während einem Tag (Samstag) legen konnten, wartete schon das nächste Abenteuer im Schatten eines unglaublich wohltuenden Sonnenscheins.

Am Sonntag, das erste Mal nach den ersten Sonnenstrahlen, machten sich Hà und ich auf den Weg nach Vung Tau, wo wir Frau Le Thi My Huong kennenlernen sollten. Nach knapp zwei Stunden Fahrt, Ankunft. Fast schon ungewöhnlich reibungslos.

Vung Tau gilt für die hiesige Bevölkerung, als ein Badeparadies. Irgendwie stellte mich daher das ganze anders vor. Keine Spur von Palmen, Promenaden und weißem Strand stattdessen, trübes Wasser, Motorbikes und am Horizont Ölbohrinseln. Tatsächlich fühlte ich mich hier das allererste Mal während meiner ganzen Reise unwohl und ich war darauf gespannt was mich in dieser Stadt noch erwarten würde. Und so fuhren wir in das Kinderheim von Vung Tau.

Glücklicherweise kamen uns gleich Kinder entgegen gelaufen und sie passten nun gar  nicht zur Stadt, denn sie waren freudig, empfingen uns liebenswert und führten uns kurzer Hand zu My Huong. Ein riesiges Zimmer…leer bis auf ein paar Stühle und einen Schreibtisch, dahinter My Huong. Sie begrüßte uns, merkte uns das Verblüffen an und erklärte uns kurzer Hand die Lage und zeigte uns das Zentrum.

Das riesige Gebäude, das schon fast an eine Sekundarschule erinnerte wurde nämlich durch die staatliche Hand erbaut. Erbaut, aber nicht ausgestattet. Dementsprechend wirkten die Möbel, die aus dem alten Kinderheim mitgebracht wurden, fast schon deplatziert denn sie können die „kalten“, im Sinne von sterilen Räumen nicht wirklich füllen.

 

Es scheint mir auch wichtig hier zu erklären,  dass dieses Waisenhaus zuvor sehr zentral in Vung Tau-Stadt zu finden war. Die Administration hat aber vor einigen Jahren beschlossen, das Waisenhaus „umzuquartieren“ in diese verlorene Ecke « in the middle of nowhere », um selbst Nutzniesser des Stadtgebäudes werden zu können. Dieses « neue » Gebäude war ursprünglich für administrative Zwecke gedacht und errichtet worden, daher diese Raumaufteilungen die absolut nicht für ein Waisenhaus konzipiert sind.

Weit entfernt von vielem, wirkten die Kinder hier äußerst zufrieden.

My Huong erklärte uns, dass das daran liegt, dass sie sich weit über die herkömmliche Standards eines vietnamesischen Kinderheims hinaus bewegen zu versucht. Zitat: „I could garantee you, you won’t find a better one in Vietnam.“ Ich fand diese Aussage, ihrer selbstsicheren Offenheit wegen, ziemlich beeindruckend. Es wird dementsprechend immer noch um jeden Dong gekämpft, damit die Kinder trotz familiärer oder gesellschaftlicher Missstände, weltbürgerlich erzogen werden und sich zu unabhängigen Menschen entwickeln können.

So finden wir (unter unzählig leerstehenden) Räumen auch einen Computerraum, in dem die Kinder nach und nach ihre digitalen Kompetenzen erwerben können.

In einer Zeit, wo in sehr vielen Ländern längst von digitaler Revolution oder digitalem Zeitalter gesprochen wird, müsste ein Computerraum wohl als Standard gelten. In den Meisten, der vietnamesischen Schulen ist dies aber noch weit entfernte Zukunftsmusik, da die finanziellen Mittel einfach nicht ausreichen. Ein nachhaltiges Problem, dass meiner Meinung nach nicht ignoriert oder banalisiert werden darf, wenn man die Schere zwischen Wohlstand und Armut nicht weiter öffnen will.

Kurz bevor die Besichtigung endet, wollen die Kinder uns aber uns noch zeigen wie sie den Fussball- Bolzplatz, der von AAV und „Beeteburg Hëlleft“ finanziert wurde, nutzen,  und so wurde kräftig in den Ball getreten und meine Annahme, dass „Fussball im Vietnam nicht so populär ist“ widerlegt!

-Long Hai Center-

Am Folgetag ging es dann, in Begleitung von My Huong zum Long Hai Center, das ungefähr 20 Minuten vom „Badeort“ Vung Tau entfernt ist. Als wir um 7:45 ankamen, hatten die Kinder bereits Pause. Anfangs dachte ich daran, der Unterricht hätte noch nicht begonnen ich rief mir aber wieder ins Gedächtnis wo wir waren.

Im Land der Morgenmenschen, dementsprechend fing der Unterricht bereits um 5:50 an. Die Kinder, die diese pädagogische Stelle besuchen, kommen meist aus prekären Verhältnissen. So kommen einige von ihnen aus Familien, die sich die schulische Ausbildung ihres Kindes nicht mehr leisten konnten und diesem notgedrungen, das Recht auf Bildung untersagen mussten. Das Team des Zentrums ist demnach bemüht, Kontakt mit diesen Familien herzustellen, um dem Nachwuchs das grundlegende Recht auf Bildung garantieren zu können.

 

Bei der Besichtigung erleben wir Klassen, die bunt zusammengewürfelt scheinen. Die Klassen werden hier nämlich nicht nach Alter sondern nach Bildungsstand zusammengesetzt. Und so kommt es, dass einige Zehnjährige mit viel jüngeren Schüler zusammensitzen, weil sie in ihrem bisherigen Leben noch nie die Chance hatte Lesen zu lernen. Auch hier wieder absolute Verblüffung, von meiner Seite, da ich mir von einem Staat, der als sogenanntes Schwellenland bezeichnet wird, erwartet hätte, dass er seiner Bevölkerung zumindest den Zugang zu Bildung garantiert. Ich wurde aber wie schon erwähnet enttäuscht! Die Kinder wirkten allesamt sehr bemüht, um dem Unterricht bestmöglich zu folgen.

Die Finanzierung des Schulmateriales (siehe folgenden Artikel), ist dabei die Grundlage und wird in Zukunft hoffentlich der absolute Standard sein! Zum Schluss bekamen wir dann noch einen Einblick, in die Werkstätte (Motorradmechanik, Frisörsalon und Schneiderei), wo die Schüler auf freiwilliger Basis die nötige Praxis sammeln können, um später einen beruflichen Fuß fassen zu können. Zu meiner Verwunderung sah ich hier sehr viele junge Schüler (10-12 Jahre alt) die sich hier bemühten.

Im Hinterkopf war ich mir aber dabei bewusst, dass sich die Kinder bereits zu diesem Zeitpunkt entschieden haben, was sie  in Zukunft als ihr tägliches Brot ansehen werden….  Eine Erkenntnis, die mich bedrückte und klar machen sollte, welcher Luxus, die alt beklagte Orientierungslosigkeit (nicht Aussichtslosigkeit) eigentlich bedeutet…